Leung Ting

Leung Ting ist der Großmeister des "Wing Tsung Leung Ting Kung Fu". Ein Kung Fu Stil wird immer über dessen Namen identifiziert. Der Namenszusatz in der Stilbezeichnung weißt darauf hin, daß es auch andere Interpreten des gleichen Stils gibt. In diesem Fall haben die Nachkommen (so man sie so nennen darf), von Yip Man viele eigene Wege eröffnet, indem sie ihre Interpretation zu einem eigenständigen Stil gemacht haben. Hierdurch wird derjenige, der seine eigene Interpretation lehrt, zugleich der Großmeister des eigenen Systems ist.

Die Graduierung, also welchen Grad ein Großmeisters einnimmt, wird darüber bestimmt, wie das Lehrsystem im System aufgebaut ist. In der traditionellen chinesischen Kampfkunst gabe es keine Graduierungen, da die Anzahl der Schüler sehr übersichtlich war. Es gab nur den Lehrer und den (die) Schüler. Eine Abstufung fand nur unter den Schülern statt, indem der ältere Schüler (Sihing) mehr Rechte hatte, aber auch mehr Pflichten. Der sogenannte "Meisterschüler" war der fortgeschrittenste Schüler, was üblicherweise zugleich auch der älteste Schüler der Schule war.

Heute ist das anders. In den letzten 40 Jahren hat sich chinesische Kampfkunst derart verbreitet, daß die bisherige Familienstruktur nicht in dieser Weise mehr angewendet wird, sondern als Ausdruck der Tradition und einer Ehrerbietung gegenüber dem Stil (Anerkennung der Lehre) nur noch in Teilen wiederzufinden ist. Der älteste Schüler ist nicht mehr unbedingt der fortgeschrittenste Schüler. Dennoch wird beispielsweise in der Anrede der Personen der ältere Schüler als "Sihing" angesprochen, was von der Graduierung, also von seinem Können, vollkommen unabhängig ist. Ein älterer Schüler hat bestimmte Ehrenrechte innerhalb der Hierarchie der Schule. Er wird traditionell zuerst begrüßt, dann erst der zweitälteste und so weiter. Das hat in der Vergangenheit, gerade in größeren Schulen zu lustigen Situationen geführt. Aber in unserer westlichen Kultur weichen traditionelle Inhalte zunehmend auf.

Auch an Leung Tings Historie ist diese Entwicklung schon zu erkennen. So ist Leung Ting zwar nicht der älteste Schüler von Yip Man, hat aber dennoch die Schulleitung von ihm übertragen bekommen.

In einigen Punkten wird sich unter den verschiedenen Wing Chun Headmastern darum gestritten, welche Rolle Leung Ting unter Yip Man tatsächlich gespielt habe. Es gab zwar ältere Schüler von Yip Man, denen gegenüber Leung Ting ein Sidai ist (ein jüngerer Kung Fu Bruder) und dennoch beansprucht Leung Ting für sich, der letzte und entscheidende Privatschüler von Yip Man zu sein.

Nicht nur nach eigener Aussage war Leung Ting der letzte Privatschüler von Yip Man, bis zu dessen Tode, sondern auch nach Aussagen von Wang Liu, ebenfalls Schüler von Yip Man, der dies in einem Interview bstätigte. Yip Man hatte demnach Leung Ting als letzten Privatschüler Schüler angenommen, nachdem Yip Man sich aus dem offiziellen Unterricht zurück gezogen hatte. Dies fand in einer dafür geltenden traditionellen Teezeremonie statt, mit Überreichtung eines Präsents und entsprechendem Ritual. Der Ausdruck "Close Door Student" bezieht sich darauf, daß Yip Man ihn, Leung Ting, zu enem Zeitpunktoffiziell als Schüler annahnm, als er sich schon aus dem sonstigen Uterricht zurrück gezogen hatte. Als solcher hatte Leung Ting von Yip Man dessen letzte Interpretation des System gelernt. Er hat, nach Aussage von Leung Ting, das gesamte System in umgekehrter Reihenfolge noch einmal gelernt. Yip Man hat Zeit seines Lebens Wing Chun immer wieder variiert und verändert. Man kann davon ausgehen, daß Yip Mans letzte Interpretation sein Lebenswerk wiederspiegelt und die Summe seiner Erfahrungen mit dem Stil und dem Unterricht wiederspiegelt.

Inosfern hat, entgegen geltender Tradition Leug Ting zwei Sifus. Leung Sheung als ersten Lehrer und Yip Man, der sowohl Lehrer von Leung Sheung war, als auch Lehrer von Leung Ting. Darüber entstand naturgemäß schon damals viel Aufregung und Leung Ting wurde unter anderen Schülern hierdurch nicht unbedingt beliebt.

Unabhängig von diesen Dingen hat Leung Ting einen überaus erfolgreichen weltweiten Verband aufgebaut. Zunächst (1973) als "Wing Tsun Leung Ting Martial Art Association, später (1975) wurde dem ein "International" vorangesetzt (IWTLTMAA). 1976 besuchte er zum ersten Mal Deutschland, eingeladen von K.R. Kernspecht. Seitdem (mit einer Unterbrechung) gibt es eine sehr fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Leung Ting und K.R. Kernspecht, die den weltgrößen KK-Verband zum Erfolg brachte.

Abgesehen von solchen Erfolgen, die z. T. auch auf die Medien-Aktivität von Leung Ting fußen, der nicht nur für eine Vielzahl von Fachmagazin schreibst, sondern auch für das Fernsehen an Serien arbeitet und hierüber viele andere Kampfkunst-Größen bekannt machte, hat Leung Ting als erster seiner Zunft das System Wing Tsun akademisch behandelt. So schrieb er als erster das gesamte System nieder und befasste sich wissenschaftlich mit den Inhalten und dem Unterrichtssystem. Hieraus fanden einige Veränderungen am Unterrichtssystem statt, die er in das System einbrachte.

Nach eigener Aussage ist Leung Ting der einzige Schüler Yip Mans, der das System in seiner kompletten Form gelernt habe. Natürlich ist das umstritten. Es gibt aber diverse Unterschiede. Leung Ting unterrichtet beispielsweise 116 Holzpuppensätze, nicht 108, wie alle anderen. Es sollen sogar bis zu 124 Sätze bestehen.

Eine Schwerpunkt der Interpretation des Wing Tuns von Leung Ting ist das Chi-Sao. Chi-Sao ist eine spezielle Trainingsmethode des Wing Tsun, um in Kämpfen taktile Informationen nutzen zu können. Diese sind schneller und zuverlässiger, als visuelle Informationen. Dabei geht es um Informationen über das Verhalten des Gegners, darum, was der Gegner gerade tut und gerade vorhat zu tun. Über taktile Reize (Berührungen) an den eigenen Armen und Beinen (überhaupt am Körper) wird das Verhalten des Gegners direkt erfaßt und - nach entsprechend konditionierendem Training - direkt behandelt. Das Auge ist für viele Aktionen zu langsam. Das Chi-Sao-Training findet daher im Kontakt zum Gegner statt, indem die eigenen Arme vor dem eigenem Körper so gehalten werden, daß jeder Angriff zu einem Kontakt führt und über taktil ausgelöste Reaktionen entsprechend behandelt werden.

Auch andere Wing Chun Stile haben Chi-Sao. In den meisten Stilen, die nicht ursprünglich von Leung Ting Schülern ausgehen, spielt die taktile Reaktion eine geringere Rolle. Dort wird über artgleiche Bewegungen wie im Chi-Sao von Leung Ting versucht, nicht auf der Grundlage taktiler Reize zu reagieren, sondern mittels Kraft und Winkel in eine günstige Position für dei eigene Angriffssituation zu kommen.

Leung Ting hat über das Chi-Sao eine weitreichend neue Sichtweise zum Nahkampf aufgestellt, die es auch körperlich unterlegenen Personen erlaubt, erfolgreich den Kampf zu Ende zu bringen. In den 70-er 80-er Jahren haben WT-Kämpfer weltweit damit Aufsehen erregt und die Landschaft der Kampfkünste hat sich seither stark verändert.