Keith Ronald Kernspecht

Keith Ronald Kernspecht (i.F. "K.R. Kernspecht" oder "Sifu" genannt) begann sein Interesse an Kampfsport schon als Schüer. Er betrieb etliche Kampfsportarten, u.a. Boxen, Karate oder Ringen. 1967 Begann er mit dem Polizeidienst. Parallel hierzu holte er sein Abitur nach, daß ihm den Weg für andere beruflichen Interessen ebnete.

In Kiel eröffnete er Ende der 60-er Jahre eine der ersten Kung-Fu-Schulen in Deutschland, damals als Verein, den Budozirkel e.V.. Anfang der 70-er Jahre war gerade der Boom von Bruce Lee aktuell. K.R. Kernspecht bot in seiner Schule ein Wu-Shu System an, welches dort in großer Härte trainiert wurde. Er und seine Schüler waren regional für ihren ultimativen Kampfstil berüchtigt.

Anfang der 70er Jahre lernte K.R. Kernspecht während einer Fahrt nach England das System von Yip Man kennen, der als Lehrer von Bruce Lee bekannt wurde. K.R. Kernspecht war derart angetan von der direkten und logischen Vorgehensweise des Systems, daß er, zurück in Kiel, sofort Kontakt nach Hong Kong aufnahm, zum Großmeister Leung Ting. Er dauerte aber einige Zeit, bis Leung Ting bereit war, K.R. Kernspecht als Nicht-Chinesen in das System einzuführen.

Der Startup des Wing Tsun in Deutschland begann mit Leung Tings ersten Besuch in Kiel, 1975. K.R. Kernspecht begann offiziell das System in seiner Schule einzuführen und bot deutschlandweite Lehrgänge zum Wing Tsun an.

Der Budozirkel war dafür keine geeignete Plattform mehr. K.R. Kernspecht gründete 1976 die "DWTO", die "Deutsche Wing Tsun Organisation" und die meisten Mitglieder des Budozirkel e.V. schrieben sich in den nächsten zwei Jahren in der DWTO ein.

Mit zunehmender Aufmerksamkeit auch in der Fachpresse, kamen immer mehr Schüler aus der gesamten Bundesrepublik zu Lehrgängen angereist, die auch von Schülern Leung Tings, wie Elan Fong, abgehalten wurden, oder von Leung Ting selbst. K.R. Kernspecht lehrte seinen Schülern, was er gerade selbst lernte, nahm viele Privatstunden bei Leung Ting und reiste selbst nach Hong Kong. Die investierte Zeit zwang bald zu einer Entscheidung. Er löste sich von allen beruflichen Verpflichtungen und entschied sich, Wing Tsun vollzeitlich als Lehrer zu unterrichten.

Nun fanden fast jedes Wochenende Aktionen statt. Lehrgänge, Privatunterricht, Reisen.... WT verbreitete sich wie ein Lauffeuer in Deutschland und zunehmend über die deutschen Grenzen hinaus. Zunächst in der Schweiz und in Östereich. Dann kamen Leute aus Dänemark und so wurde aus der DWTO die EWTO, die "Europäische Wing Tsun Organisation".

Auf diesem Weg begleitete ihn mit voller Unterstützung stets seine Frau, Sigrun. Sie motivierte ihn, sorgte dafür, daß im "Backoffice" alles lief. Sie selbst lernte ebenfalls Wing Tsun, hörte aber nach wenigen Jahren auf der offiziellen Ebene auf.

Was sich in Sifu K.R. Kernspechts Karriere früh schon abzeichnete, war, daß er nicht alle Personen aus der Aufbruchszeit des Budozirkels mitnehmen konnte. Einige seiner befreundeten Schüler machten den Kurs zum Wing-Tsun nicht mit. Andere aber waren hoch motiviert und opferten, so wie er selbst, jede freie Minute, um WT zu lernen oder daran zu helfen, WT zu verbreiten. Ich erwähne das, weil Sifu K.R. Kernspecht zunehmend erfolgreicher wurde, aber in diesem Erfolg auch von alten Mitstreitern kritisiert wurde.

Einer der ersten Kritikpunkte war, das er von seinen Schülern, die ihn bisher „Ronni“ nannten, fortan erwartete, als Sifu angesprochen zu werden. Begründet war das damit, daß er ansonsten die Protektion zu Leung Ting gefährden würde, der, in chinesischer Gepflogenheit, es als Mißachtung des Lehrers ansehen würde, wenn man diesen nicht in seinem Funktionstitel anspräche. Auch wenn es noch unklar war, wie das hierarchische System in allen Details aussah - den Standard "Sifu" galt es einzuhalten.

Aber trotz aller Bemühungen, in Leung Ting gegenüber den Europäern ein Vertrauen aufzubauen, kam es doch zu einem nachhaltigen Disput. (Ich werde diesen Disput in einem gesondertem Kapitel behandeln). Hier sei nur soviel erwähnt, daß dies für das WT in Europa sehr positive Auswirkungen hatte. Durch diesen Disput zwischen Sifu K.R. Kernspecht und Sigum Leung Ting mußte Sifu K.R. Kernspecht sich anderweitig um die Inhalte des Wing Tsuns bemühen. Was lag also näher, als die Söhne von Yip Man zu besuchen oder die Schüler des inzwischen ebenfalls verstorbenen Bruce Lee und viele andere Personen, die bekannter Maßen zum engeren Kreis von Yip Man gehörten.

Auf diese Weise erfuhr Sifu, welche anderen Interpretationen zum Stil von Yip Man existierten, wie diese Interpretationen zustande kamen und welche Vorzüge oder Nachteile sie hatten. Und er erfuhr, wie Sigum in Hong Kong seine Schüler unterrichtete. Auf diese Weise konnte er sehr exakt abwägen, welche Qualifikationen die jeweiligen Personen hatten und wie weit sie im System Yip Mans vorgedrungen waren. Damit schien es für Sifu unumgänglich zu sein, sich mit Leung Ting wieder zu versöhnen, wollte er das Wing Tsun in allen wichtigen Details erlernen.

Somit kam es zu einer Übereinkunft zwischen Sifu und Sigum, in welcher sie einerseits regelten, wer für welchen Kontinent zuständig ist und in welcher Form Leung Ting in Europa einbezogen wird.

Seit dieser Übereinkunft ist die gemeinsame Arbeit, Wing Tsun weltweit zu verbreiten, überaus fruchtbar. Die EWTO ist der weltgrößte, professionelle Kampfkunst-Verband geworden.